Durchaus überraschend verlängert Max Verstappen seinen Vertrag bei Red Bull. Hat sich der vierfache Weltmeister mit diesem Schritt selbst einen Gefallen getan? Ein Kommentar.
In der Formel 1 gibt es eine alte Faustregel, die besagt, dass jeder Fahrer, der etwas auf sich hält und in die ewigen Annalen der Königsklasse eingehen möchte, mindestens einmal in seinem Leben im Cockpit der Scuderia Ferrari gesessen haben muss. Nur wer einen der begehrten Plätze beim italienischen Traditionsrennstall ergattert, kann von sich behaupten, es in der Formel 1 gepackt zu haben. Diejenigen, die im roten Overall zu Pole Positions, Siegen oder gar Titeln fahren, die sind noch mehr Legende als anderswo.
Diesem Charme der Scuderia erlag zuletzt auch Rekordweltmeister Lewis Hamilton, der zur Saison 2025 die durchaus kontroverse Entscheidung traf, sich aus seinem gewohnten Umfeld bei Mercedes herauszulösen und die äußerst erfolgreiche Zusammenarbeit aufzukündigen, um von nun an für Ferrari auf die Jagd nach Siegen und Trophäen zu gehen.
Ob der siebenfache Champion dabei tatsächlich aus dem Antrieb heraus handelte, einmal in seiner Karriere in einem roten Boliden sitzen zu wollen oder etwa die Chance sah, bei den Italienern den ersehnten achten Titel einzufahren, kann wohl nur er selbst beantworten. Fakt ist, dass es sich nach dem derzeitigen Stand für Hamilton eher nicht gelohnt hat. Die Silberpfeile haben mit Youngster Kimi Antonelli den nächsten Weltmeister in der Pipeline, wohingegen der Brite nach Saisonhalbzeit nur noch Außenseiterchancen besitzt.
Im Gegensatz zu seinem langjährigen Rivalen erlag Verstappen nicht dem Lockruf eines anderen Rennstalls und verlängerte stattdessen sein Arbeitspapier bei Red Bull langfristig bis einschließlich zur Saison 2030 . Er verbleibt damit bei dem Team, mit dem er zwischen 2021 und 2024 seine bisherigen vier WM-Titel einfuhr und von dem er bereits direkt nach seinem ersten Triumph, beim legendären Grand Prix von Abu Dhabi 2021, behauptete, dass er nicht lieber tun würde, als Siege und Titel zusammen mit den Bullen zu sammeln.
Nun hat sich seitdem einiges getan. Verstappen und Red Bull sind 2026 bei Weitem nicht mehr das gefürchtete Gespann, was es Wochenende für Wochenende zu schlagen gilt. Das liegt weniger am Niederländer selbst als vielmehr am Paket, das der österreichisch-britische Rennstall dem 28-Jährigen zur Verfügung stellt. In der laufenden Saison sind die Bullen hinter Mercedes, Ferrari und McLaren nur noch das viertschnellste Auto, mit dem fünften WM-Titel, das kann man schon jetzt mit Gewissheit sagen, wird es in diesem Jahr definitiv nichts.
Dass das bei Verstappen etwas auslöst, ist dabei nur unschwer zu erkennen . Der Niederländer ist mitnichten der Typ, der, wenn es mal nicht läuft, sich in Durchhalteparolen flüchtet und die Ruhe bewahrt. Nein, er will den unbedingten, maximalen Erfolg zu jeder Zeit.
Da das im RB derzeit nicht möglich ist, bekam das Team in den vergangenen Monaten in regelmäßigen Abständen seinen Zorn ab - sei es in scharfen Interviews, in denen er behauptet, man sei im Vergleich zu den direkten Rivalen nicht konkurrenzfähig. Oder direkt am Funk gegenüber Renningenieur Gianpiero Lambiase, den er nicht selten über die völlige Unfahrbarkeit des Boliden unterrichtet.
Nun ist es nicht so, dass es für Verstappen abseits von Red Bull keine Möglichkeiten gegeben hätte . Mercedes, McLaren, ja sogar Hamiltons Scuderia Ferrari sollen allesamt die Fühler nach dem Niederländer ausgestreckt haben.
Warum auch nicht? Schließlich ist er der mit Abstand beste individuelle Fahrer des derzeitigen Feldes. Setzt man Verstappen einen halbwegs performenden Boliden unter den Hintern, sind Titel nur eine Frage der Zeit.
Mit einer Ausstiegsklausel in seinem vorherigen Vertrag, die angeblich beim Verpassen gewisser WM-Parameter automatisch gegriffen hätte, wäre es für den Niederländer angesichts der RB-Schwäche ein Leichtes gewesen, aus seinem Arbeitsverhältnis auszusteigen und seine Unterschrift bei einem anderen Team zu setzen. Seinen künftigen Arbeitgeber hätte er sich quasi nach Belieben aussuchen können.
Entweder die erfolgversprechendste Variante mit dem Wechsel zu Mercedes, wo er im kommenden Jahr den wenig überzeugenden George Russell hätte beerben können. Oder doch die charmanteren Optionen bei den Traditionsrennställen McLaren oder Ferrari, wo ihm der Gewinn eines Titels noch mehr Prestige und Anerkennung eingebracht hätte. Ganz nach dem Vorbild Hamiltons.
Verstappen hat sich gleichwohl für das "Schlechteste" aus beiden Welten entschieden. Ob Red Bull in naher Zukunft die Kapazitäten und das Knowhow besitzt, um ein weiteres Weltmeister-Auto auf die Beine zu stellen, darf zumindest in Frage gestellt werden. Unter dem neuen Reglement scheint Mercedes aufs Erste klar im Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu sein und auch die "kleineren Werksteams" wie Audi, Aston Martin (mit Motorenpartner Honda) sowie Cadillac werden nach und nach aufschließen.
Mit seinen nun 28 Jahren gehört Verstappen nicht mehr zu der Generation, die den kontinuierlichen Aufbau eines Teams über Jahre mit ansehen kann, ohne dabei zu arg auf den sportlichen Erfolg achten zu müssen. Die Verlängerung bis 2030 ist in dieser Hinsicht auch ein Fingerzeig, dass der Niederländer bei seiner Jagd nach weiteren Titeln voll auf die Red-Bull-Karte setzt. Die Erkenntnis, dass RB in Sachen Strahlkraft und Außendarstellung nicht mit einer Scuderia Ferrari oder McLaren mithalten kann, dürfte Verstappen derweil auch selbst gekommen sein.
Immerhin: Der vierfache Champion kennt das Team in und auswendig. Mit dem neuen Teamchef Laurent Mekies scheint er bestens klar zu kommen, den Worten seines offiziellen Statements nach spielte der Franzose bei der Entscheidung, seinen Vertrag bei RB zu verlängern, sogar eine entscheidende Rolle.
Stimmt die Harmonie innerhalb des Rennstalls, was in den vergangenen Jahren mit der Causa Horner auch nicht immer gegeben war, gelingt die Rückkehr an die Spitze möglicherweise früher als gedacht. Ist das aber nicht der Fall, dürfte sich der so ehrgeizige Verstappen mehr als verzockt haben.