Sieben Pflichtspiele hat es in dieser Saison gedauert, bis bei Manchester United der Baum brennt. Der Start in die Spielzeit ist historisch schlecht, Trainer Michael Carrick kämpft schon um seinen Job und Experten zerlegen die Leistungen seiner Mannschaft mittlerweile in schöner Regelmäßigkeit.
Neuer Tiefpunkt war das 1:1 gegen den FC Fulham in der Premier League am Wochenende. Immerhin, es setzte keine weitere Niederlage. Doch der Punktgewinn war nach dem späten Treffer Matheus Cunhas glücklich, die Leistung besorgniserregend.
Carricks Ex-Mitspieler Gary Neville trieb die Vorstellung der Red Devils die Zornesröte ins Gesicht. Der ehemalige United-Kapitän und heutige TV-Experte nannte den Auftritt im Craven Cottage "absolut erbärmlich". Er wetterte angesichts der besonders schwachen Viertelstunde direkt nach Wiederanpfiff: "Sie sind 15 Minuten lang nur herumgelaufen und bekommen, was sie verdienen. Ich habe noch nie eine Manchester-United-Mannschaft gesehen, die so oft spazieren gegangen ist, wenn sie nicht im Ballbesitz war."
Carricks Spieler seien herumstolziert "wie Schaufensterpuppen" und überhaupt: "Ich verfolge Manchester United seit meinem fünften Lebensjahr. Das waren die schlimmsten 15 Minuten, die ich je gesehen habe."
Neville forderte von Carrick, dieser solle aufhören, sich öffentlich vor die Spieler zu stellen und stattdessen die Defizite knallhart ansprechen. Sein Fazit: "Sie werden nichts hinkriegen, wenn sie so wenig Dringlichkeit zeigen. Ich weiß nicht, ob es Angst oder Selbstzufriedenheit ist - aber sie arbeiten einfach nicht hart genug."
Dabei sollte beim seit Jahren den Ansprüchen hinterherhechelnden Rekordmeister 2026/27 alles besser werden. Der Endspurt in der Vorsaison war nach der Entlassung Ruben Amorims unter Carrick stark und endete mit der Qualifikation für die Champions League. Carrick wurde befördert und durfte bleiben. Im Sommer wurden mal wieder hohe Summen in neue Stars investiert (173 Millionen Euro für die Mittelfeldspieler Carlos Baleba, Andrey Santos und Youri Tielemans ). Wenngleich sich hier die Frage stellt, ob United nicht mal wieder zu viel Geld für Akteure hingeblättert hat, die eben nicht ins oberste Regal gehören.
Die Euphorie ist jedenfalls angesichts der Ausbeute von fünf Punkten aus den ersten fünf Spielen, dem schwächsten Start seit der Saison 2014/15, und Tabellenplatz zwölf dahin. Es setzte Pleiten bei Aufsteiger Hull City (0:2) und im Derby gegen ManCity (0:1) trotz langer Zeit in Überzahl . Dazu gesellt sich das Aus im Carabao Cup dank einer Heimpleite gegen Brighton & Hove Albion.
Das aktuell zu bestaunende Muster ist bei United nicht unbekannt: Eine Klublegende übernimmt nach der Trennung vom unbeliebten Teammanager, haucht der Mannschaft neues Leben ein und fährt gute Resultate ein. So passierte es einst auch unter Ole Gunnar Solskjaer. Wie der Norweger 2019 nach der Trennung von Jose Mourinho wurde auch Carrick zum Cheftrainer befördert und wie unter dem CL-Albtraum des FC Bayern setzte kurz darauf die Talfahrt ein. Nun also wiederholt sich der Teufelskreis offensichtlich.
Carrick, der zwölf Jahre für ManUnited spielte und insgesamt 18 Titel gewann, flüchtet sich in seiner nüchternen Art in Durchhalteparolen und warb um Geduld. "Es liegt noch eine lange Saison vor uns", so der ehemalige Mittelfelddirigent. Die Kritik an seiner Arbeit ist ihm dabei durchaus bewusst: "Ich will das nicht herunterspielen. Wir wollten mehr Punkte, also sage ich nicht, dass alles super ist. Ich verstehe die Frustration. Wir wollten besser sein und wir wollten andere Dinge machen."
Während munter spekuliert wird, dass Carrick (Vertrag bis 2028) seinen Job bald wieder los sein könnte, sollen die Klubchefs erstmal nicht in Panik verfallen. Bis Weihnachten, so heißt es, bekomme der 45-Jährige Zeit, das Ruder herumzureißen. Wie viel dieser Plan wert ist, sollten die Leistungen weiter schwach bleiben, dürfte spannend zu sehen sein. Einen dauerhaften Plan sucht man so oder so vergeblich. Aber man ahnt, wie es dann weitergehen könnte ...