Bundestrainer Jürgen Klopp konnte nach dem 1:1 in den Niederlanden bei seinem Länderspieldebüt den Unmut der Gastgeber über die Entstehung des deutschen Führungstores nicht nachvollziehen.
"Es wird noch 100 Jahre lang ein Missverständnis sein, dass die Zuschauer erwarten, dass der Ball ins Aus gespielt wird", sagte Klopp bei RTL . Der Hintergrund: Der niederländische Mittelstürmer Brian Brobbey war angeschlagen zu Boden gegangen, die deutsche Mannschaft spielte allerdings weiter und verzichtete trotz der Unterzahl von Oranje darauf, den Ball ins Aus zu spielen. Am Ende der Szene stand schließlich der Treffer zum 1:0 durch Felix Nmecha in der 32. Minute .
"Die Jungs sind aber eigentlich dazu angehalten, weiterzuspielen", erklärte Klopp, dass es keineswegs mangelndes Fairplay gewesen sei, dass sein Kapitän Joshua Kimmich und Co. konsequent weiter machten. Sein Pendant, der neue Bondscoach Xavi, sah in dem Fall indes "eine Mischung" aus Cleverness und mangelndem Fairplay seitens der DFB-Elf.
Er nahm auch den Unparteiischen, seinen spanischen Landsmann Alejandro Jose Hernandez Hernandez, in die Verlosung: "Der Schiedsrichter hat die Pfeife schon am Mund gehabt und ein paar Spieler von uns haben deshalb aufgehört zu spielen", kritisierte Xavi, betonte aber zeitgleich: "Es war auch keine große Sache."
Ex-Schiedsrichter Manuel Gräfe pflichtete Klopp indes bei. "Regeltechnisch ist alles korrekt. Nur bei Kopfverletzungen oder schweren Verletzungen muss unterbrochen werden", erklärte er gegenüber der Bild -Zeitung und ordnete die Szene ein: "In einem Freundschaftsspiel hätte man den Ball sicher herausgespielt, aber es ist ein Pflichtspiel. Die Holländer waren kurz nicht voll fokussiert. Das hat das DFB-Team clever ausgenutzt. Freunde macht man sich damit nicht, aber es ist Profisport. Es hätten sehr viele weitergespielt. Letztendlich hatte der Spieler hinten gar keine Auswirkung. Es war ein Fehler der Holländer, nicht konzentriert weiterzuspielen."
Der ehemalige niederländische Nationalspieler Rafael van der Vaart sah die Causa drastischer und nannte das deutsche Weiterspielen beim TV-Sender NOS "unsportlich". Kimmich hingegen ordnete nüchtern ein: "Wir haben völlig zu Recht weitergespielt." Das Spiel möglicherweise zu unterbrechen, wäre Aufgabe des Schiedsrichters gewesen, so der Bayern-Star, "und ich habe keinen Pfiff gehört."
Den Vorwurf von Oranje-Kapitän Virgil van Dijk, das Weiterspielen der deutschen Mannschaft sei eine Schande gewesen, konterte Kimmich entschieden: "Ich finde, dass ist keine reflektierte Antwort von ihm."
Kurz vor Nmechas Führungstor musste Klopp mit Kai Havertz, bei dem der hintere Oberschenkel zwickte , einen prominenten Akteur vorzeitig vom Platz nehmen. Jamal Musiala, der eigentlich in der Startelf hätte stehen sollen, konnte nach muskulären Problemen beim Aufwärmen gar nicht erst auflaufen : "Sie sind beide im MRT, ich hoffe wir kriegen heute Abend noch eine Diagnose", sagte der neue Bundestrainer nach Abpfiff zu den beiden Verletzten und glaubte nicht daran, in der kommenden Partie gegen Griechenland am Sonntag wieder auf das Duo bauen zu können: "Ich hoffe, dass es nichts Schlimmes ist. Für uns sind sie wahrscheinlich raus, aber hoffentlich sind sie danach schnell wieder einsatzfähig."
Deutschlands knapper Vorsprung hielt bis kurz vor Schluss, in der Nachspielzeit kam die Niederlande durch Cody Gakpo aber doch noch zum verdienten Ausgleich . Der eingewechselte Ruben van Bommel, Sohn des ehemaligen Bayern-Stars Mark van Bommel, hatte dabei mit einer herrlichen Außenristflanke den sehenswerten Assist geliefert. "Ich habe den kleinen van Bommel gefragt, wo er das her hat", verriet Klopp und frotzelte in Richtung des Papas: "Vom Vater hat er es nicht, der Außenrist muss von der Mutter sein."
Für Kontroverse sorgte derweil neben dem Führungstreffer der DFB-Elf allen voran noch eine weitere Szene: Nach knapp einer Viertelstunde hatte Abwehrchef van Dijk die Niederlande nach Ecke vermeintlich per Kopf in Führung gebracht. Das Tor wurde nach VAR-Eingriff allerdings aberkannt, weil Oranje-Angreifer Brobbey den deutschen Torwart Marc-Andre ter Stegen im Fünfmeterraum aus Sicht der Unparteiischen regelwidrig am Herauslaufen hinderte - eine harte Entscheidung.
"Das ist eine absolute Schande", polterte van der Vaart. "Es ist unglaublich", denn Brobbey mache "ja kaum etwas. Man darf sich natürlich berühren. Der Torwart darf nicht machen, was er will. Es war einfach eine sehr schwache Torwartleistung", so van der Vaart. Klopp war anderer Meinung und verwies auf Brobbeys enorme Robustheit: "Der ist ja fast viereckig und da hat Marc keine Chance, vorbei zu kommen. Es ist eine tolle Ecke, aber es ist ein Foul. So muss es jetzt gepfiffen werden", bezog sich Klopp darauf, dass Torhüter auch kürzlich bei der WM wieder stärkeren Schutz im Fünfmeterraum genossen hatten.
Zur sportlichen Einordnung der Premiere unter Klopp sagte Innenverteidiger Jonathan Tah indes: "Wir hätten natürlich gerne gewonnen, es gab auf beiden Seiten Chancen. Aber wenn du 1:0 führst, willst du es auch über die Bühne bringen. Wir haben einen guten ersten Schritt gemacht, das Spiel war brutal intensiv. Es war nicht alles perfekt, aber darum ging es nicht. Wir wollen anfangen, ein anderes Gesicht auf den Platz zu bringen. Und das war heute der erste Schritt dahin." Ein Sonderlob verteilte Tah an Rechtsverteidiger Philipp Treu vom SC Freiburg, der sein Länderspieldebüt feierte: "Ich würde gerne den Pippo heraus heben. Wie der die Linie hoch und runter marschiert ist, war Wahnsinn. Wirklich top für ein erstes Länderspiel", so Tah.
Am Sonntag trifft Deutschland am 2. Spieltag der Nations-League-Saison 2026/27 auf Griechenland, in Augsburg feiert Klopp dann seine Heimpremiere auf der Trainerbank der Nationalmannschaft. "Der Fokus lag schon sehr auf der Defensive und dem Anlaufen, wie wir den Gegner unter Druck setzen wollen", sagte Kimmich zu den ersten Trainingseinheiten unter Klopp. "Es ging schon darum, eine gewisse Grundordnung gegen den Ball zu finden. Das ist dann die Basis dafür, dass wir uns auch mit Ball verbessern können."