Komplett irre Ergebnisse! Schweizer Sensationsmeister FC Thun stürzt dramatisch ab | SPOX

Komplett irre Ergebnisse! Schweizer Sensationsmeister FC Thun stürzt dramatisch ab | SPOX

Nur wenige Wochen nach dem sensationellen Meistertitel zerfällt der FC Thun in seine Einzelteile. Als vorläufiger Tiefpunkt firmiert die "Schande von Posen".

Das 0:7 im Playoff-Hinspiel der Europa League gegen Lech Posen am Donnerstag hatte historische Dimensionen - damit stellte der FC Thun nämlich den Rekord für die höchste Niederlage eines Schweizer Klubs auf internationaler Bühne ein. Ebenfalls mit 0:7 musste sich zuvor nur der FC Basel geschlagen geben und zwar im Achtelfinale der Champions League gegen den FC Bayern 2012. "Leck Posen! Thun geht in Polen unter", titelte das Boulevardblatt Blick und schrieb von der "Schande von Posen".

Tatsächlich hätte es sogar noch viel schlimmer kommen können. Thun lag schon zur Pause mit 0:5 zurück und kassierte direkt nach dem Seitenwechsel das 0:6. Statt das Ergebnis weiter in die Höhe zu schrauben, schalteten die polnischen Gastgeber anschließend in den Verwaltungsmodus und beließen es bei einem späten Schlusspunkt zum 7:0.

Nachdem Thun Ende Juli in der Champions-League-Qualifikation dramatisch nach Verlängerung an Dinamo Zagreb gescheitert war, wird es nun auch nichts mit der Europa League. Bei einem Aus gegen Posen ist aber immerhin die Teilnahme an der Ligaphase der Conference League sicher.

National läuft es für Thun aktuell kaum besser. Nach einem 3:1-Auftaktsieg gegen den FC Luzern setzte es zuletzt zwei herbe Pleiten gegen die Young Boys Bern (0:6) und den FC Basel (2:4).

In der vergangenen Saison war Thun als Aufsteiger mit einer No-Name-Truppe noch ohne teure Transfers sensationell zum ersten Titelgewinn der Klubgeschichte marschiert . Seitdem zerfällt der Klub aus der gleichnamigen Kleinstadt mit nur 45.000 Einwohner in seine Einzelteile.

Meistertrainer Mauro Lustrinelli verabschiedete sich zu Union Berlin. Die Nachfolge übernahm Gian-Luca Privitelli. Der 48-Jährige verfügt über keine Erfahrung im Profi-Erwachsenenbereich, zuvor hatte er viele Jahre lang als Jugendtrainer für diverse Schweizer Klubs gearbeitet.

Nach dem Debakel in Posen gestand er taktische Fehler ein: Dass seine Mannschaft auch nach dem 0:3 weiterhin mutig gepresst habe, statt Schadensbegrenzung zu betreiben, "geht auf meine Kappe".

Von den ersten neun Pflichtspielen der Saison gewann Privitelli nur drei - neben dem Auftaktspiel in der Liga noch im Pokal gegen den Amateurklub FC Saxon Sports sowie in der Europa-League-Qualifikation zuhause gegen Vikingur Reykjavik aus Island. Der Druck auf ihn ist längst riesig, womöglich droht eine baldige Entlassung.

Neben Trainer Lustrinelli verließ zuletzt auch Sportchef Dominik Albrecht den Klub. Anfang August - mitten während der Transferperiode - trat er überraschend von seinem Posten zurück, weil er sich mehr Zeit für seine Familie nehmen wolle. Albrechts Nachfolger wurde der erst 33-Jährige Simone Rapp, der bis zu diesem Sommer noch selbst für den FC Wil gespielt hatte und ähnlich wie Trainer Privitelli völlig unerfahren ist.

Gleichzeitig verlor Thun etliche Schlüsselspieler, vor allem in der Offensive ist der Aderlass brutal. Mit Christopher Ibayi, Ethan Meichtry, Elmin Rastoder und Leonardo Bertone verabschiedeten sich bereits die vier besten Torschützen der Meistersaison. Auf dem geteilten fünften Platz des internen Rankings folgten Kastriot Imeri und Valmir Matoshi.

Imeri spielte nur per Leihe von Bern in Thun, eine feste Verpflichtung scheiterte an den Finanzen. Große Geldgeber gibt es in Thun keine, die finanzielle Situation ist trotz des Titels eher angespannt. Imeri kehrte jedenfalls zu seinem Stammklub zurück, traf am 2. Spieltag auf seine Ex-Kollegen und schoss bei Berns 6:0-Triumph direkt ein Tor.

Matoshi steht derweil kurz vor einem Transfer zu Sturm Graz. Linksverteidiger Michael Heule, der gegen Posen entscheidenden Anteil an drei Gegentoren hatte, soll für rund drei Millionen Euro zum Bundesliga-Absteiger 1. FC Heidenheim wechseln.

Hochkarätige Verstärkungen sind bisher Fehlanzeige. Für eine Million Euro holte Thun die 19-jährige italienische Sturmhoffnung Riccardo Braschi von der AC Florenz, der in der bisherigen Saison aber erst 20 Minuten absolviert hat. Ansonsten kamen hauptsächlich Spieler aus dem Schweizer Unterhaus oder aus kleineren internationalen Ligen.

Von den zwölf Schweizer Erstligisten hat Thuns Kader laut dem Fachportal Transfermarkt zusammengerechnet den viertniedrigsten Marktwert. Das muss aber nichts heißen, auch in der vergangenen Meistersaison verfügte Thun über ein deutlich billigeres und weniger prominent besetztes Aufgebot als die reichere Konkurrenz aus den Fußball-Hochburgen in Basel, Bern und Zürich.

Derzeit rangiert Thun in der Liga auf Platz neun und weist mit elf Gegentoren drei Partien die schlechteste Abwehr aller Teams auf. Gewissermaßen deutete sich der Absturz übrigens schon in der Schlussphase der Vorsaison an. Von den letzten acht Saisonspielen verlor Thun sechs, wegen eines immensen Vorsprungs geriet der Titelgewinn aber nicht mehr in Gefahr.

Am vorletzten Spieltag setzte es gar ein 3:8 gegen Bern, das bis heute nachwirkt. Dabei sah Kapitän Marco Bürki - Bruder des ehemaligen BVB-Keepers Roman - wegen einer Tätlichkeit die Rote Karte und wurde für fünf Spiele gesperrt. Somit verpasste er den Saisonstart in der Liga. Kurios: Auch beim CL-Aus in Zagreb ging es nach 2:0-Führung dahin, nachdem Bürki vom Platz flog.

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