Wie es der Gegner des FC Bayern aus der zweiten Liga zur CL-Überraschungsmannschaft schaffte | SPOX

Wie es der Gegner des FC Bayern aus der zweiten Liga zur CL-Überraschungsmannschaft schaffte | SPOX

So einen Aufstieg, wie ihn der FK Bodö/Glimt in den vergangenen neun Jahren hingelegt hat, dürfte es im modernen Fußball eigentlich nicht geben: Von der zweiten Liga einer damals maximal mittelklassigen Fußballnation zum Beinahe-Stammgast in der Champions League - und das ganz ohne Investor, reichem Gönner oder großem Konzern im Rücken. Hier erklärt der Vorstandsvorsitzende des Underdog-Teams mit Anspruch, wie man nördlich des Polarkreises ein immer besserer Fußballklub werden kann.

Es ist noch gar nicht so lange her, da hatten sie beim FK Bodö/Glimt Schwierigkeiten, sogar Spieler aus dem Süden Norwegens von einem Wechsel zum Überraschungsteam der letztjährigen Champions-League-Saison zu überzeugen.

"Die Spieler haben einen Blick auf die Karte geworfen und gesehen, dass wir nördlich des Polarkreises zu Hause sind. Es ist kalt bei uns, es ist windig, es regnet oft. Zur nächsten größeren Stadt im Norden sind es zehn Stunden mit dem Auto. Zur nächsten größeren Stadt im Süden auch", sagt Frode Thomassen. Im Winter ist die Sonne einen Monat lang nicht zu sehen in der Stadt.

Und wer weiß, ob der heutige Vorstandsvorsitzende und eines der Gesichter des im modernen Fußball eigentlich unmöglichen Aufschwungs des FK Bodö/Glimt nach Jahrzehnten als Fußballprofi, Sportfunktionär und Uni-Professor in der vergleichsweise warmen Hauptstadt Oslo sich einst selbst dem Klub angeschlossen hätte, wenn er nicht im arktischen Nordnorwegen zur Welt gekommen und aufgewachsen wäre.

Doch Thomassen, 59, kehrte 2003 in seine Heimatregion zurück und begann bei der damaligen Fahrstuhlmannschaft FK Bodö/Glimt als Jugendtrainer. Später wurde er Akademieleiter und Mitglied des Vorstands. Als der Klub 2010 kurz vor der Insolvenz stand, solidarisierte sich die ganze Stadt mit dem Verein: Fans, Bewohner, Unternehmer, die ansässigen Fischer gaben Geld, der Klub rettete sich, in den kommenden Jahren setzte man fast nur noch selbst ausgebildete Spieler ein.

Doch das richtige Märchen beginnt erst 2017: FK Bodö/Glimt ist mal wieder abgestiegen,Thomassen wird CEO und ein selbst im norwegischen Fußball eher unbekannter Mann namens Kjetil Knutsen Co-Trainer. 4,2 Millionen Euro setzt man damals insgesamt um pro Jahr, der Umsatz eines deutschen Drittligisten war schon damals doppelt so hoch.

Man steigt sofort wieder auf, Knutsen wird zum Chef befördert. Der Rest ist ein einziger Fiebertraum: 2019 Vize-Meister, 2020 Meister, zum ersten Mal überhaupt, 2021, 2023 und 2024 wieder Meister. Dazu kommt: 2021/2022 ist in der Conference League erst im Viertelfinale Schluss, 2022/2023 erstmals Europa League, 2024/2025 geht es in der Europa League bis ins Halbfinale, letzte Saison startet man erstmals in der Champions League und scheitert erst im Achtelfinale nach einem bärenstarken Hinspiel und einem Absturz im Rückspiel an Sporting Lissabon - nachdem man zuvor unter anderem Manchester City, Atletico Madrid und Inter Mailand besiegt hatte.

Und das alles mit einer Mannschaft, die pressing- und laufintensiven, dynamischen, mitreißenden und niemals nüchternen Ergebnisfußball spielt und die noch immer beinahe komplett aus Norwegern besteht, allerdings zunehmend aus dem ganzen Land. Auch Rückkehrer aus dem europäischen Ausland sind dabei: Erfolgreichster Torjäger letzte Saison: Jens Petter Hauge, der schon bei Milan und Eintracht Frankfurt spielte. Kapitän: Patrick Berg, der aus Lens zurückkehrte und dessen Vater Örjan Berg in den 1990ern jahrelang in der Schweiz spielte und 1992 sogar ein halbes Jahr in München bei den Löwen verbrachte und der heute Sportdirektor von FK Bodö/Glimt ist.

Wenn es nach Thomassen geht, dürfte demnächst auch der Anteil an Legionären steigen. "Natürlich limitiert uns der Standort weiterhin etwas. Aber wir haben wir uns entwickelt und entwickeln uns weiter. Ich denke, dass wir mittlerweile eine gute Adresse sind und interessant sein können für Spieler aus ganz Skandinavien." Polarkreis hin-, keine Sonne im Winter her.

Wo soll das alles enden? "Wir haben jetzt 750.000 Follower auf Instagram , mehr als jede andere skandinavische Mannschaft. Ich glaube, wir haben das Potenzial, der zweitliebste Verein aller zu sein."

Und wieso auch nicht? Der FK Bodö/Glimt ist ein sympathisches, aufstrebendes Team aus einer aufstrebenden europäischen Liga - dieses Jahr sind mit Bodö und Viking Stavanger erstmals zwei norwegische Klubs in der Königsklasse dabei - aus einer aufstrebenden Fußball-Nation.

Die Story könnte schlechter sein. Die Voraussetzungen, zu einem der absoluten Kult-Klubs zu werden, sind aber auch unabhängig vom sportlichen Erfolg da.

Wenn Frode Thomassen sagt, dass man ein Klub sei, bei dem es um "Kultur und Werte" gehe, klingt das nicht wie der im modernen Fußball sonst übliche Marketingsound. "Wir haben keinen Investor, wir haben keinen privaten Eigentümer. Ich denke, dass das eine interessante Geschichte ist in einem Fußball, der so kommerziell geworden ist."

Thomassen sagt "interessant", und nicht "eigentlich unmöglich", auch weil er und die anderen Verantwortlichen beim FK Bodö/Glimt ziemlich überzeugt sind von ihrer Strategie. "Wir reden hier nicht darüber, dass wir gewinnen wollen und setzen uns keine Ziele. Wir reden über Leistung. Wenn wir performen, dann kommen die Resultate", sagt er und erklärt: "Wir haben vier Grundwerte, für die der Klub stehen soll: Leistung, Entwicklung, Loyalität und Einheit. Danach arbeiten wir."

So vernünftig und durchdacht das alles klingt, es wäre gerade im Fußball nicht das erste Mal, dass eine Gesellschaft ihre Werte über den Haufen werfen würde, wenn man erst einmal am großen Erfolg - und den Geldtöpfen - gerochen hat. Im vergangenen Geschäftsjahr setzte Bodö/Glimt vor allem dank der erfolgreichen europäischen Spielzeiten rund 75 Millionen Euro um, das ist schon eine andere Hausnummer als 2017.

Thomassen ficht das nicht an, doch er ist davon überzeugt, dass sie sich nördlich des Polarkreises nicht korrumpieren lassen werden vom Erfolg. "Hier ist seit zehn Jahren die gleiche Gruppe von Menschen tätig, wir sind gerne hier und sind diesen Weg Schritt für Schritt gemeinsam gegangen. Wir sind zuletzt auch Risiken eingegangen, aber auch hier immer nur in kleinen Schritten. Wir genießen den Erfolg und sind darauf fokussiert, uns zu verbessern, aber wir fühlen keinerlei Erwartungen an uns."

Statt verrückte Sachen auf dem Transfermarkt zu machen, baut man ein neues Stadion, nächstes Jahr soll die Arctic Arena fertig sein. Außerdem investiert man in KI- und Daten-Start-Ups, um alle Informationen, die man als Fußballklub und -Mannschaft so sammelt, vernünftig zu bündeln und damit anschließend sinnvolle (und womöglich gar lukrative) Dinge anstellen zu können. Was man halt so macht, wenn man einen Plan hat und keinen wilden Träumen hinterherjagt.

Nun geht es für die vernünftigen Gipfelstürmer vom Polarkreis am Donnerstag am ersten Spieltag der neuen Champions-League-Saison zum FC Bayern München (21 Uhr, DAZN live). Und in gewisser Weise blicken die Norweger sogar auf Augenhöhe auf den deutschen Rekordmeister - schließlich sind beide Teams gerade beim Ballon d’Or als Mannschaft des Jahres nominiert worden . Da enden aber die Gemeinsamkeiten natürlich schon. "Bayern München wird ein ganz besonderes Spiel für uns", sagt Thomassen, "ein schöner Test für uns". Man hoffe, gut genug zu sein, um mithalten zu können. Und falls nicht? "Dann werden wir daraus was gelernt haben."

Recommended articles