2020 spielte die NBA in der Bubble völlig verrückt. Der beste Spieler der Liga war auf einmal T.J. Warren. Vor Saisonbeginn noch ein Schnäppchen der Indiana Pacers, legte er nach der Corona-Pause plötzlich bessere Zahlen als Michael Jordan auf.
Fast exakt sechs Jahre ist es her, dass die Pacers in der Bubble mit 108:107 gegen die Los Angeles Lakers zurücklagen. Anthony Davis hatte sich gerade nach einem Fehlwurf von LeBron James den Rebound am offensiven Brett geschnappt und den späteren Meister 1:41 vor dem Ende auf die Siegerstraße gebracht.
Wäre da nicht T.J. Warren gewesen. Auf der Gegenseite antwortete er mit einem Floater. Davis verfehlte einen Dreier, Warren verwandelte den nächsten Floater aus der Mitteldistanz. Lakers-Coach Frank Vogel sah sich zu einer Auszeit gezwungen. Es änderte aber rein gar nichts. Sein Team verballerte den nächsten Dreier und Warren jagte seinen Distanzwurf durch die Reuse. Ein schneller 7:0-Lauf ganz alleine und die Partie war gedreht. Es folgte nur noch Ergebniskosmetik.
Nicht nur dank seiner späten Heldentaten war Warren der Man of the Match. Insgesamt hatte der Forward Los Angeles mal eben 39 Punkte eingeschenkt. Für einen Spieler, der in seiner NBA-Karriere durchschnittlich 14,3 Punkte pro Partie sammelte, sicherlich das absolute Highlight - oder? Naja. Für Warren, der Anfang August 2020 plötzlich der beste Spieler der NBA war, war das in diesen besonderen Tagen absolute Normalität.
Zwei Tage vor dem spektakulären Finish gegen die Lakers war die Welt einmal kurz vermeintlich normal. Soweit das denn zu Pandemiezeiten möglich war, als die NBA in Disney World völlig abgeschottet und nur vor digitalen Fans nach monatelanger Pause wieder den Betrieb aufnahm. Die Pacers kassierten gegen die Suns, das - warum auch immer - heißeste Team der Bubble-Wochen, eine deutliche 114:99-Niederlage. Warren hatte bei der Niederlage große Probleme mit seinem Wurf und traf nur sieben seiner 20 Versuche sowie einen einzigen seiner fünf Abschlüsse von Downtown.
Eine solche Leistung war aber plötzlich nicht mehr die Regel, sondern die absolute Ausnahme. Warren, der vor der Saison noch gegen die sogenannten "Cash Considerations" (aka für'n Appel und 'n Ei) von Phoenix nach Indiana geschickt wurde, war mit Bubble-Beginn kaum noch aufzuhalten. Direkt im ersten Duell ballerte er sich gegen die Philadelphia 76ers in einen Rausch und zu einem Career High. Unglaubliche 53 Punkte standen hinter seinem Namen im Boxscore. 20 seiner 29 Würfe passten, neun seiner zwölf Dreier und natürlich alle vier Freiwürfe. Den Dagger kurz vor Ende gab es inklusive.
Nur zum Vergleich: Ein gewisser Michael Jordan schaffte während seiner unvergleichlichen Karriere 21 Spiele, in denen er mindestens 53 Zähler sammelte. Nur fünfmal schaffte er das mit weniger als 30 Würfen. In diesen fünf Spielen brauchte er aber stets neun verwandelte Freiwürfe.
Nicht nur deswegen hatte das NBA-Internet in den nächsten Tagen großen Spaß daran, Warren mindestens einmal in die Nähe des für viele besten Spielers aller Zeiten zu rücken. Auf seine Explosion gegen Philly ließ er schließlich noch einmal ein 34-Punkte-Double-Double gegen die Washington Wizards folgen und brauchte gegen die Orlando Magic gerade einmal 17 Würfe sowie drei Freiwürfe, um 32 Zähler aufzulegen.
Warren war einfach nicht zu stoppen. "Er ist gerade auf einem anderen Planeten", analysierte sein damaliger Mitspieler Victor Oladipo, der aktuell auf kuriose Weise versucht, in die NBA zurückzukehren , den unfassbaren Run fachmännisch.
Der umjubelte Held versuchte es mit einer bodenständigeren Erklärung für seinen außerirdischen Run: "Ich habe in der Offseason einfach viel Zeit und Arbeit investiert", sagte Warren. "In der Auszeit habe ich mich dann voll und ganz auf Basketball konzentriert, meine Liebe zum Spiel bewahrt und bin einfach ich selbst geblieben, wenn ich auf dem Platz stehe. Ich habe ein gutes Umfeld, eine tolle Familie und Freunde, das hilft mir sehr."
Das allein erklärte jedoch nicht so sehr diese Art von Durchbruch. Bis zum Restart hatte er im Schnitt 18,7 Punkte aufgelegt. Gut, aber gerade einmal rund halb so viel wie in seiner ersten Bubble-Woche. Für seinen sensationellen Run gab es drei Erklärungen.
Erstens: Warrens erwähnte harte Arbeit in den Ruhephasen hatte vor allem auf seinen Distanzwurf abgezielt. In seinen ersten vier Jahren in Phoenix hatte er nie mehr als anderthalb Dreier pro Spiel genommen. Doch schon in seiner letzten Suns-Saison schraubte er die Anzahl an Versuchen von draußen auf mehr als vier pro Partie hoch. In seiner magischen Augustwoche waren es dann mehr als sieben. Er nahm sie auf einmal aus dem Dribbling und in Transition - und traf!
Zweitens: Sein Selbstvertrauen stieg und seine Rolle veränderte sich. Seit dem Ausfall von Domantas Sabonis waren die Pacers auf der Suche nach einer ersten Option. Oladipo war dieser Aufgabe nach seiner Verletzung noch nicht wieder gewachsen. Warren steigerte seine Usage und übernahm Verantwortung. Er sah, dass es funktionierte und blickte nicht mehr zurück, sondern blühte weiter auf. "Ich erinnere mich, dass meine Teamkollegen mir vertraut und mir viel Selbstvertrauen gegeben haben, damit ich richtig aggressiv spielen konnte. Ich war locked in!", beschrieb Warren Jahre später den erhaltenen Boost.
Drittens: Es war einfach halt einer dieser unerklärlichen Runs. Immer wieder gibt es in der NBA Tage, Wochen und vereinzelt Monate, in denen Außenseiter wie einst Jeremy Lin plötzlich auf MVP-Niveau performen und Begriffe wie "Linsanity" zum etablierten NBA-Vokabular machen.
Es gibt dann nicht nur rationale Erklärungen. Wenn die Hand heiß ist, ist sie heiß. Warren hätte in der ersten Augustwoche 2020 auch einen Medizinball erfolgreich durchs Schlüsselloch pfeffern können. "Er spielt im Flow des Spiels", analysierte der damalige Pacers-Coach Nate McMillan. "Er forciert ja gar nichts. Er nimmt einfach die Würfe, die er treffen kann." Und das waren für ein paar Tage eben alle, wie Oladipo wusste: "Er versenkt den Ball halt auf jeden Fall im Korb, egal, wer da vor ihm steht."
Doch Warrens Blase platzte kurz darauf. Im letzten Seeding-Game gegen die Miami Heat kam es zur großen Revanche gegen den wohl einzigen Spieler, der in der Bubble noch mehr "locked in" war: Jimmy Butler.
Und der hatte seine ganz persönliche Vorgeschichte mit Warren. Im Januar 2020 starteten die Heat gerade gegen die Pacers einen Run, da kochten die Emotionen hoch. Butler und Warren legten sich miteinander an. Die beiden Streithähne warfen sich ein paar nette Worte an den Kopf und gestikulierten fleißig, bis Warren von den Referees frühzeitig in die Kabine geschickt wurde. Butler schickte ihm Luftküsse hinterher.
Während Warren sich im Anschluss nicht zu Wort melden wollte, hatte "Jimmy Buckets" natürlich nach dem 122:108-Sieg noch Lust mit den Reportern zu quatschen und seine Sicht der Dinge ausführlich zu schildern: "Ich meine, es ist schwierig für ihn, weil ich ihn verteidigen kann, er mich aber nicht", sagte Butler. "Letztendlich läuft es darauf hinaus. Ich finde, man muss in bestimmten Situationen einfach auf seine Worte achten. Manche Sachen sagt man als Mann einfach nicht."
Einmal im Flow angekommen, ließ sich Butler auch nicht mehr aufhalten: "Er ist ein Weichei. Er spielt nicht mal in meiner verdammten Liga. Er reicht mir nicht einmal ansatzweise das Wasser. Wenn ich sein Trainer wäre, würde ich ihn niemals gegen mich aufstellen. Niemals wieder. … Er ist einfach trash."
Doch Warren stand Butler in der Bubble wieder gegenüber. Und es ging wieder nicht gut für ihn aus. 12 Punkte sammelte der Pacers-Held gerade einmal. Die Wurfquoten mit 5/14 FG und 2/6 3FG waren nicht nur für seine Verhältnisse unterdurchschnittlich.
Die schlimmste Nachricht für Warren: In den Playoffs ging es anschließend direkt wieder gegen Miami. Butler machte, was er wollte und spielte sich schon einmal für seinen anschließenden legendären Playoff-Run warm, bei dem er die Heat nahezu im Alleingang in die Finals schulterte. 28, 28 und 27 Punkte legte er in den ersten drei Spielen auf. Im vierten Duell brauchte er nur noch 6 Zähler zu sammeln.
Die Nummer war da schon durch, die Pacers wurden per Sweep aus der Bubble geschickt. Warren schaffte zwar in drei der vier Duelle mehr als 20 Zähler, doch war merklich abgekühlt. Nie traf er mehr als die Hälfte der Würfe, in Game 2 und Game 3 verballerte er alle seine insgesamt acht Dreier.
Gegen alle Teams in der Bubble, die nicht aus Miami kamen, hatte Warren 34,8 Punkte pro Spiel aufgelegt. Bei schlichtweg lächerlich guten 60,5 Prozent True-Shooting. Er war für eine Woche der beste Spieler der Liga, der "Bubble-MVP". Am Ende ging diese Auszeichnung an Damian Lillard. Warren landete immerhin neben Lillard und weiteren prominenten Namen (Luka Doncic, James Harden, Devin Booker) im "All-Seeding Games First Team".
Es war das höchste Hoch seiner Karriere. Seine Scoring-Fähigkeiten waren zwar zuvor schon in Phoenix bekannt, doch er war nicht mehr als ein guter Rollenspieler. Wer sich nicht mit den Suns beschäftigte, bekam nicht viel von ihm mit. Gleiches galt bei den Pacers. Die Umstände in der Bubble machten ihn jedoch innerhalb weniger Tage von einem No-Name zu einem Superstar: "In der Bubble ist plötzlich alles ein Markt. Ich bin mir sicher, dass es viele Leute gibt, die es nicht gewohnt waren, die Pacers zu verfolgen, die aber nun die Pacers verfolgen müssen, weil wir alle auf dem selben Markt spielen", erklärte Warren selbst die neu gewonnen Aufmerksamkeit im Rampenlicht.
Kurz darauf verschwand er aus diesem auch genauso schnell schon wieder. In der folgenden Saison absolvierte er nur vier Spiele, bevor die Spielzeit aufgrund einer Stressfraktur des Kahnbeins für ihn beendet war. 2020/2021 konnte er ebenfalls nicht spielen und geriet immer mehr in Vergessenheit.
Er unterschrieb noch einmal einen Vertrag bei den Brooklyn Nets, doch wurde nach nur 26 Spielen im Kevin-Durant-Trade wieder zu den Suns geschickt. Noch einmal 16 Spiele für die Suns (4,2 PPG), 11 Spiele für die Minnesota Timberwolves (3,7 PPG) und das war es mit der NBA-Karriere. Warren erhielt zwar noch einmal einen Vertrag bei den New York Knicks, doch lief in den letzten zwei Jahren nur in der G-League auf.
Im Juli 2026 dann der nächste Schritt weiter weg von der NBA: Warren wechselte zum französischen EuroLeague-Team Paris Basketball. Für seine erste Station in Europa lehnte der 32-Jährige angeblich etliche weitere Angebote ab. Laut Insider Donatas Urbonas ( BasketNews ) war für Warren zweierlei entscheidend: Zum einen die Möglichkeit eine größere Rolle zu übernehmen und zum anderen fühlte er sich vom Standort angezogen. Als das letzte mal bei ihm beides irgendwie zusammenkam, war er für eine Woche der beste Spieler der Liga.