Für weniger als 200 Dollar zum NBA-Star: Wie ein Hobbyspieler "die größte Geschichte im Basketball" schrieb | SPOX

Für weniger als 200 Dollar zum NBA-Star: Wie ein Hobbyspieler "die größte Geschichte im Basketball" schrieb | SPOX

Im Herbst eines jeden Jahres versuchen sich Tausende Hobbyspieler bei den G-League-Tryouts und träumen vom Sprung in die NBA. Der Einsatz ist vergleichsweise minimal und der mögliche Ertrag maximal. Doch nicht jeder wandelt auf den Spuren von Jonathon Simmons.

Dabei hatte Simmons seinen eigenen Traum auch schon fast aufgegeben. Er war ein guter High-School-Spieler und wusste auch am College einen soliden Eindruck zu hinterlassen. 14,7 Punkte, 5,0 Rebounds und 2,2 Assists legte er 2012 als Junior im Trikot der University of Houston auf.

Für Simmons selbst Grund genug, direkt in die NBA weiterwandern zu wollen, zumal er sich nach eigenen Angaben am College nicht mehr wohlfühlte. Doch trotz einiger Einladungen zu Workouts mit den Teams schlug keine einzige Franchise beim Draft zu. Zur anschließenden Summer League bot ihm auch kein einziges Team einen Platz an. Für Simmons ein großes Problem. Denn der junge Vater stand vor einer schweren Entscheidung: "Ich habe mich gefragt, wie ich meine Familie ernähren soll. Das ging mir vor allem durch den Kopf. Sollte ich einfach aufhören und mir einen Job suchen?"

Seine Mutter unterstützte ihn, und er spielte in der neu gegründeten ABL in der folgenden Saison semiprofessionellen Basketball. Seine Zahlen auf dem Parkett stimmten (36,5 PPG), doch die Zahlen auf dem Konto bereiteten ihm Sorgen. Und auch der Sport machte ihm in der Liga nicht wirklich Spaß.

"Ich hätte danach fast aufgehört", blickte er Jahre später bei ESPN auf die unruhige Zeit zurück. Seine Mutter empfahl ihm bereits eine Ausbildung zum Friseur, doch Simmons startete einen letzten Anlauf. 150 Dollar legte er auf den Tisch, um bei den damaligen D-League-Tryouts der Austin Toros, dem damaligen Farmteam der San Antonio Spurs, teilnehmen zu dürfen.

Noch heute veranstalten die Teams der G-League, die aus der D-League hervorging, jedes Jahr im Zeitraum von Ende August bis Anfang Oktober Workouts, bei denen jeder teilnehmen kann, der möchte. Jeder Hobbyspieler, ob jung oder alt, darf sich vor den Scouts beweisen. Wirklich jeder.

Die Teilnahmegebühren sind im vergangenen Jahrzehnt etwas gestiegen, doch wer jetzt beispielsweise hofft, dank des Umwegs über die Delaware Blue Coats schnell zu den Philadelphia 76ers zu gelangen und in einigen Monaten an der Seite von LeBron James aufzulaufen, kann sich einfach für 199 Dollar rechtzeitig registrieren. Nur für Kurzentschlossene wird das Vergnügen etwas teurer.

Die Konkurrenz bei den Events ist allerdings groß. Rund 60 Spieler standen damals gemeinsam mit Simmons in der Halle, heutzutage ist die Anzahl der großen Träumer zumeist dreistellig. Die meisten von ihnen werden jedoch schnell ausgesiebt. Die Farmteams dürfen nur vier Spieler aus den lokalen Tryouts mit ins Training Camp nehmen.

Vielen ist von Beginn an klar, dass ihnen der Sprung nicht gelingen wird. Seit Jahren ist es zur Tradition geworden, dass immer wieder Journalisten beim Probetraining auftauchen und dort dann wenig überraschend einer mittlerweile rasant gestiegenen Anzahl an Influencern gegenüberstehen, die ebenfalls für den Content und nicht für das Sportliche in den heiligen Hallen die Schuhe schnüren. Hinzu kommen weitere junge und weitere wahrlich nicht mehr junge Zocker, die sich einfach unter besten Bedingungen messen wollen.

Bei vielen fällt schon bei den anfänglichen Aufwärmübungen auf, dass sie am Ende der ersten drei bis vier Stunden nicht weiter bleiben dürfen. Dann trennt sich die nächste Spreu vom Weizen: Shooting Drills. Hier fällt dann allerdings genauso schnell auf, dass nicht alle nur zum Spaß angereist sind. Unter den Teilnehmern sind hochtalentierte Spieler, die bestens wissen, wo der Korb hängt und sich in Sachen Athletik kaum von einem G-League- oder einem NBA-Spieler unterscheiden. Und für sie geht es um alles.

"Wir sind alle Menschen, die einen Job suchen und von diesem Sport leben wollen", brachte es einer der besten Camp-Teilnehmer gegenüber The Athletic auf den Punkt. "Wir haben auf hohem Niveau gespielt und wollen das auch weiterhin tun. Wir lieben das, was wir tun!" Sie waren überragende High-School-Prospects, spielten auf dem College, dominierten ihre Freiplätze und Gyms oder waren sogar schon professionell im Ausland aktiv. Für sie ist der Sprung in die NBA nicht völlig utopisch, der Sprung in die G-League zumindest vorsichtig realistisch.

"Ich denke, alle hoffen, den nächsten Jonathon Simmons zu finden", erklärte derweil Bart Taylor, der schon seit mehr als einem Jahrzehnt im Front Office der Utah Jazz arbeitet und zwischenzeitlich als GM des Farmteams agierte. Simmons brillierte in seinem Tryout, bevor er eine Karriere hinlegte, die von den San Antonio Express-News später als "Die größte Geschichte im Basketball" betitelt wurde.

Doch das Happy End ließ nach dem ersten Training noch auf sich warten. Wie für alle anderen, die nicht von den jeweiligen G-League-Verantwortlichen sofort gecuttet wurden, musste sich Simmons nach dem erfolgreichen Workout gegen die restlichen Teilnehmer zunächst noch eine Woche weiter in individuellen Drills sowie gegen Spieler, die für das Team schon fest eingeplant waren, beweisen.

Doch es klappte, er schaffte es in den G-League-Kader des Spurs-Farmteams. Zwei Jahre riss er sich bei den mittlerweile umbenannten Austin Spurs komplett den Allerwertesten auf, verdiente sich mit harter Defense und viel Einsatz seine Spielminuten und entwickelte sein Spiel gleichzeitig immer weiter.

"Jon, du bist jetzt ein NBA-Spieler." Im Juli 2015 saß Simmons gerade im Mannschaftsbus der Brooklyn Nets auf dem Weg zu einem Spiel bei der Summer League, als ihm sein Agent die frohe Kunde am Telefon übermittelte. Die Spurs statteten ihn jetzt mit einem Zweijahresvertrag aus. Nicht die Austin Spurs, sondern die San Antonio Spurs. Der Team, das ein Jahr zuvor noch Meister wurde, das Team von Trainerlegende Gregg Popovich, das Team um Superstars wie Tony Parker, Tim Duncan , Manu Ginobili , und Kawhi Leonard hatte plötzlich einen 26-jährigen Rookie im Kader. "Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg", erklärte der damalige GM R.C. Buford nüchtern. "Sein Weg war offensichtlich kein geradliniger."

Und er war lange noch nicht am Ende. In Milwaukee musste er sich von den Bucks-Fans kurz nach seinem Debüt die üblichen "Who-are-you"-Rufe gefallen lassen, doch beantwortete die Frage mit einer zu dem Zeitpunkt persönlichen Bestleistung von 18 Punkten. In den folgenden Monaten musste er auf der einen Seite immer wieder zurück in die G-League, auf der anderen Seite legte er plötzlich seine Kindheitsidole an die Kette, blockte Stephen Curry per Chasedown, wurde gegen James Harden und die Houston Rockets mit ekliger Defense zum Helden und stand in der Postseason für den verletzten Kawhi Leonard sogar in der Starting Five.

Nach zwei Jahren in der NBA folgte der Höhepunkt. Die Orlando Magic legten ihm in der Offseason 2016 ein Vertragsangebot vor: drei Jahre, 20 Millionen. "Ich habe immer nur versucht, Negatives in Positives zu verwandeln", erklärte Simmons später sein Lebensmotto auf und neben dem Court. Und so wurden aus einem Minus von 150 Dollar Einsatz am Ende ein sehr solides Plus von 14,7 Millionen Dollar an Career Earnings in der NBA.

Denn trotz einer starken Spielzeit 2015/2016, in der Simmons durchschnittlich fast eine halbe Stunde auf dem Parkett stand und bei seinem Career High gegen die Cleveland Cavaliers (34 PTS) mit einem 22-Punkte-Viertel nur drei Zähler am Franchise Record von Tracy McGrady vorbeischrammte, musste der ewige Kämpfer Orlando nach nicht einmal zwei Spielzeiten schon wieder verlassen.

Simmons wurde zu den Sixers getradet. Ironischerweise wurde er mit Picks gegen Markelle Fultz getauscht, den ehemaligen Nr.-1-Pick, dessen Karriere genau umgekehrt zu der von Simmons verlief, und der sich zuletzt über die G-League wieder für die NBA bewerben musste .

Doch in Philly konnte Simmons nicht richtig Fuß fassen, der Allrounder wurde nach der Saison zu den Washington Wizards getradet, die ihn im Juli 2019 entließen. Ende Februar 2020 kehrte er noch einmal bei den Santa Cruz Warriors in die G-League zurück. Nur wenige Wochen zuvor hatte das Farmteam der Dubs den Abgang von Juan Toscano-Anderson zu verkraften, der von den Golden State Warriors hochgezogen worden war.

Auch Toscano-Anderson hatte es einst zunächst über einen lokalen Tryout der Warriors in die Entwicklungsliga geschafft. Zuvor hatte er bereits mehrere Jahre in Mexiko und Venezuela gespielt. Doch nachdem ihn seine Freundin überredete, nahm er das Angebot an, für nur 2.000 Dollar im Monat in der G-League zu spielen.

International gab es deutlich bessere Angebote, doch er schlug sie aus. "Wir werden das mit dem Geld schon später klären", versicherte ihm seine Partnerin. In fünf Jahren reichte es für rund fünf Millionen Dollar und einen NBA-Titel.

Für die Meisterschaft reichte es bei David Nwaba zwar nicht, doch der Guard durfte die gleichen finanziellen Freuden wie Simmons genießen. Nachdem seine Zahlen am College alles andere als überragend waren, plante Nwaba schon den Schritt ins Ausland.

Doch auch er nahm vorher noch einmal 150 Dollar in die Hand und schaffte es über die Tryouts bis zu einem 10-Day-Contract bei den Los Angeles Lakers. Von 2016 bis 2022 wurde er zwar zum Wandervogel, brachte es jedoch bei fünf Teams immerhin auf 237 NBA-Einsätze und schnappte sich insgesamt Verträge über 15 Millionen Dollar.

2017 richtete er, damals im Trikot der Chicago Bulls, bei The Players' Tribune einen emotionalen Beitrag an alle Hobby-Baller, Freizeit-Zocker und NBA-Träumer: "Wenn ihr also etwas aus meiner Geschichte mitnehmt, dann hoffe ich, dass es Folgendes ist: Kein Weg verläuft geradlinig. Jeder sieht ein wenig anders aus. Vertraut euch selbst und legt los. Wenn es wirklich das ist, was ihr wollt, lasst den Traum niemals sterben. Vielleicht überrascht ihr euch ja selbst."

Und vielleicht ja auch die G-League-Scouts in den kommenden Wochen.

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